Erfindet Asien das Fahrrad neu? Dr. Sylvie Grischkat und Ziyi Huang

Erfindet Asien das Fahrrad neu?

Chinesisches Bikesharing auf dem Vormarsch
Chinesische Anbieter von Fahrradverleihsystemen bewerben sich vermehrt bei deutschen Kommunen. Welche Entwicklung dahinter steht und welche Erfahrungen mit den asiatischen Systemen gemacht wurden, hat KCW analysiert.

Deja Vu des Fahrrades in China
Nach drei Jahrzehnten zunehmender Motorisierung sind wieder mehr und mehr Fahrräder auf den Straßen der chinesischen Metropolen unterwegs.
Die Veränderung bei der Verkehrsmittelwahl ist im absatzstärksten Land von Volkswagen deutlich sichtbar. Was unscheinbar als ein Studentenprojekt begann, wurde bald zum Trend: Die Free-floating-Fahrradverleihsysteme der Firmen Ofo, Mobike und Co. konnten sich innerhalb kurzer Zeit einen Namen machen und zahlreiche Kunden gewinnen. Neben Ofo und Mobike kämpfen derzeit circa 30 Leihrad-Anbieter um Marktanteile in China. Während Anfang 2017 noch rund 15 Millionen Leihräder auf den Straßen Chinas rollten (bzw. standen), werden es bis zum Ende des Jahres voraussichtlich doppelt so viele sein.

Freefloating Räder begeistern die Pendler in den chinesischen Metropolen
Leihfahrräder stehen dabei nicht im Widerspruch zum Besitzen eines eigenen Fahrrads. Vielmehr lösen sie das Problem der ersten und letzten Meile: In Metropolen wie Beijing und Shanghai nutzen Millionen Menschen den Bus oder die U-Bahn für ihren Arbeitsweg und sind täglich ein bis zwei Stunden unterwegs - pro Richtung. Die Wege zu den Bus- und Bahnstationen Chinas sind meist länger als in europäischen Städten. Dafür kommen vielen Pendlern die Leihfahrräder sehr gelegen: Sie können nun mit dem Leihrad zu den U-Bahnstationen fahren und es anschließend im öffentlichen Raum stehen lassen. Aufgrund fehlender Docking-Stationen sind die Investitions und Betriebskosten zudem vergleichsweise gering. Für Städte mit kleinem Budget kann das Free-Floating System eine kostengünstigere Alternative zu herkömmlichen stationsbasierten Fahrradverleihsystemen sein. Auch Umwelt und Klima profitieren vom neuen Fahrradboom: Laut Mobike habe China durch die Nutzung der Leihräder bereits eine halbe Million Tonnen CO2" eingespart. Die Autonutzung sei im ganzen Land zurückgegangen.

Chinesische Anbieter drängen auf den europäischen Markt
In rasantem Tempo sind einige asiatische Free-Floating Fahrradverleihanbieter mittlerweile bereits bis nach Europa vorgedrungen. Pünktlich zum Sommer 2017 stellten oBike, Ofo und Mobike ihre Räder in München, Wien, Zürich und anderen Metropolen zur Verfügung. Erste Erfahrungsberichte mit den neuen Anbietern erzeugten noch ambivalente Resonanz: Es wird oft bemängelt, dass die Räder keine Gangschaltung oder eine Vollgummi-Bereifung haben, zudem ist es für viele Nutzer befremdlich, dass ein Kundenservice per Telefon nicht Standard ist. Verwaiste Fahrräder in Amsterdam verursachten der Fahrradmetropole Europas so hohe Kosten bei der Beseitigung, dass die Stadt sämtliche Free-Floating Fahrradverleihsysteme verboten hat.

Die Repräsentanten von Ofo und Mobike vermitteln im Dialog mit den Verwaltungsebenen der Städte mittlerweile Kooperationsbereitschaft- so fügte sich oBike in München den Erwartungen und errichtete eine Service-Hotline für Kunden. In einer weiteren Vereinbarung mit der Stadt wurde außerdem festgelegt, dass maximal zehn Räder an einem Ort stehen dürfen. Solche im Dialog entstandenden Regeln werden jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich ausfallen und erfordern eine Erprobungsphase, was benötigt wird und was attraktiv für die Kunden ist.

KCW verfolgt die spannenden Entwicklungen am Markt der Fahrradverleihanbieter und unterstützt Kommunen bei der Umsetzung von Lösungen vor Ort.